China
Henk Meyer, Belgien
Weltmeister 85
Kung Fu
Hier muss ich gleich von Anfang an eine Miskonzeption ausräumen
- auch wenn es schwer fällt, liebgewonnene Gewohnheiten aufzugeben,
ist Kung Fu kein Kampfstil. Kung Fu bedeutet rein, in einer Fertigkeit
die Meisterschaft erlangt zu haben, die jenseits
von Technik zu finden ist. Ein Meisterkalligraph hat in seiner Schönschreibkunst
das Kung Fu, so wie ein Schreinermeister beim Sargbau. Das richtige
Wort wäre Chuan (Faust / Kämpfen) neuerdings auch Quan geschrieben.
Die neumodische Bezeichnung Wu Shu bedeutet eher nur Kampf Kunst, wird
jedoch eher für die nach 1950 in Rotchina wiedererfundene und extrem
artistische Version der alten Stile verwendet.
Traditionelle Chuen(´s)
sind, durch die Kulturrevolution bedingt, nur mehr in Hong Kong oder
in Taiwan zu finden. Die ebenfalls zu findende alte Bezeichnung Kuo
Shu bedeutet Nationale Kunst; zu finden bei den Turnieren in den 1930ern
bis 1940ern, die mit Vollkontakt ausgetragen wurden, und bei denen
es einige Todesfälle gab. Das an einige Stile, die sich nicht mit
dem Wort Chuen schmücken, angehängte Suffix - "Ga", wie zum
Beispiel Jow Ga, bedeutet nur soviel wie Schule oder Familie (entsprechend
dem bekannteren japanischen "Ryu".
Tierstile / der Arzt Hua To
Die meisten der Kung Fu Stile beziehen sich auf ein oder mehrere Tiere,
deren Bewegungen
nachempfunden werden. Auch vor mystischen (damit auch nichtexistenten)
Tieren wie Drache oder Phönix schreckt man dabei nicht zurück.
Gibt aber zumindest in den Kung Fu Filmen viel zu lachen, wenn vom Huhn
bis zur Kröte und zum Tausendfüßler nachempfunden wird.
Historisch greifbarer, weil dokumentarisch greifbar, ist der Arzt Hua
To, der (mehr aus Gesundheitsgründen), 5 Bewegungsfolgen erfunden
hatte, genannt das 5-Animal Play. Hier ist wahrscheinlich eher der Ursprung
eines Großteils der Tierstile zu finden.
Generäle
Sehr viele Stile in China führen ihre Herkunft auf berühmte
Generäle zurück, die meistens auf der Suche nach
einem geeigneten Ausbildungssystem für ihre Soldaten waren. Also
hatte nun General X dies und das gelernt, und einiges dazugemischt,
schon entstand ein neuer Kampfstil. Schöne Geschichten, aber kaum
nachweisbar. Die Kampfkunst guter Krieger hat sich sicher fortgesetzt,
aber kontinuierliche Übertragungslinien seit 300 vor Christi, oder
200 nach Christi sind eher unwahrscheinlich. Diesen Abstammungsgeschichten
entstammt unter anderem das Adlerklauen Kung Fu.
Mandschus / Mongolisches Ringen
Achtung, kleiner historischer Exkurs (tut nicht weh, erklärt aber
(vor allem dem Kung
Fu Film Fan) einiges: die Chinesen nennen sich rassisch Han (nach einer
der ersten Dynastien). Und die haben auch die große Mauer gebaut,
da ihre Vettern aus dem kargen Norden den reicheren Süden als Selbstbedienungsladen
angesehen hatten. Ein Stamm der Nordlinge, die Mandschu, überrannte
nach 1600 den Süden, und stellte dann somit das Kaiserhaus und
das Heer (heute würde man monarchische Militärdiktatur sagen).
Die Mandschu sind also eher Mongolen als Chinesen, und beide können
sich wenig gut leiden.
Mandschus mögen, wie alle innerasiatischen
Steppenvölker, das Reiten, Bogenschießen, und das Ringen.
Da sie unter chinesischem Einfluss auch einige eigene Kampfstile entwickelten,
setzt man diese in eine eigene Gruppe zusammen; charakterisiert durch
mehr Verwendung von Tritten (Nordchinesen sind meist größer
und haben längere Haxen, i.e. mehr Reichweite um anderen auf die
Nuss zu treten). Die sogenannten Nordstile aus der Mandschurei haben
also tiefere Stellungen und höhere Tritte. Hier hinein fällt
der Adlerklauen Stil und das Nördliche Preying Mantis (Gottesanbeter
Kung Fu).
Shuai Chiao
Hat sich aus dem mongolischen Ringen entwickelt, beinhaltet aber auch
Tritte und Schläge; ich erwähne es
hier extra, weil es große Verbreitung gefunden hat, man aber normalerweise
nicht weiß, woher es sich entwickelt hat und es manchmal auch
fälschlicherweise als Kunststil der zweiten Hälfte des 20.
Jh. bezeichnet hat, was unrichtig ist. Der bekannteste Vertreter dieser
Disziplin (außerhalb Rotchina´s, wo alle alte Meister der
Kulturrevolution zum Opfer fielen), war der Taiwanesische Meister Chang
Dung Sheng.
Tamo / Shaolin
Ca. 500 AD besucht ein indischer Mönch namens Batuo den chinesischen
Kaiserhof. Der Kaiser ist
beeindruckt, tritt zum Buddhismus über (was natürlich die
Konfuzianischen Hofschranzen nicht freut), und lässt ihm zu Ehren
ca 516 das erste Shaolin Kloster (Shao Lin Ssu bedeutet einfach Kleiner
Wald Kloster) erbauen. Etwa 30 jähre später kommt wieder ein
Wandermönch aus Indien dort vorbei, nämlich Tamo (auch Bodhidharma
genannt). Shaolin Mönche rufen in seinem Namen den Amida Buddha
an, wenn sie sagen: Ami To Fo. Nun, Tamo war eher entsetzt über
die schlechte körperliche Verfassung der Mönche, die nur mehr
meditierten aber schwächlich und krank waren.
Tamo brachte ihnen
eine Art Yoga bei, und einiges seiner Kenntnisse der Kampfkunst (wahrscheinlich
etwas Varma Kalai und Kalarippayat). Die Mönche nahmen sich dies
zu Herzen und entwickelten die Sache weiter. Entsandte Mönche oder
auch Laienpriester (eigentlich nicht ordinierte Mönche) verbreiteten
diese Kenntnisse über ganz China, in den verschiedensten Stilen;
Shaolin Kung Fu ist also auch kein Stil, sondern ein Sammelbegriff für
eine ganze Gruppe von Ursprungsstilen. Heute ist es aber leider auch
Mode geworden, seinen Stil auf jeden Fall mit dem Shaolin Kloster in
Verbindung zu bringen, auch wenn dies nie und nimmer der Fall war; nachweisen
kann man das eh nicht (das Kloster wurde nämlich mehrmals niedergebrannt
und die meisten Dokumente und Manuskripte existieren nicht mehr).
Kung Fu Stile
wie oben erklärt, kann man die Stile nach geographischer Herkunft,
also in Nordchinesisches Kung Fu,
Mandschu Kung Fu, und südchinesisches Kung Fu einteilen. (Anmerkung:
es gibt weit über 500 Stile in China!) Eine andere Möglichkeit
ist aber auch, sie nach Wirkungsprinzipien einzuteilen; in sogenannte
Externe Stile und Interne Stile (ich finde diese Bezeichnungen blöd,
da sie aus dem Englischen umgedeutscht wurden, aber in deutsch nichts
aussagen). Die Externen arbeiten mit Muskelkraft und Geschwindigkeit
als Hauptbestandteilen der Technik, wobei man sehr traditionelles "Shaolin
Kung Fu", also die Wurzel, als Grenzfall betrachten muss, weil es auch
sehr viel Wert auf die Innere Energie, das Chi, legt.
Die internen
Stile legen weit mehr Wert auf das Entwickeln von Chi, innerer Kraft,
die
aus dem Atem, der Nahrung, der Kraft der Erde, dem Licht und der
Meditation entsteht, als auf rohe Muskelkraft, die hier eher hinderlich
empfunden
wird, da zu angespannte Muskeln den Chi Fluss blockieren; außerdem
meint man, Kraft sei mit dem Alter begrenzt; Innere Künste könne
man auch als 100-jähriger ausüben. Innere Stile entstammen
eher dem Taoismus als dem Buddhismus. Dies bringt uns zum nächsten
Punkt.
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